Walter Hofer: "Noch zwei Winter, dann ist Schluss"

Erstellt am: 15.11.2018 08:14 / hn

FIS Renndirektor Dr. Walter Hofer hat dem Skispringen in den vergangenen knapp 30 Jahren seinen Stempel aufgedrückt wie niemand sonst. 
Skispringen ohne Walter Hofer? Schwer vorzustellen - aber entschieden. 
Der 23.3.2020, das ist der letzte Tag der Skiflug-Weltmeisterschaft 2020 in Planica (SLO), der letzte Tag des Skisprung Winters 2020 und es wird auch der letzte Arbeitstag als FIS Renndirektor für Walter Hofer sein. 


Nach dem Winter 2019/2020 endet damit eine Ära im Skispringen.
Die Ära Walter Hofer. 
Dass Skispringen - obwohl eigentlich eine Randsportart - so ausgesprochen populär ist, daran hat Walter Hofer entscheidenden Anteil. 
Hofer war es, der die Sportart über Jahrzehnte strategisch geschickt gesteuert, und mit immer neuen, innovativen Ideen dafür gesorgt hat, dass Skispringen zum echten TV Highlight geworden ist. 
Hofer lässt nun mit seiner frühen Ankündigung genügend Zeit um einen kompetenten Nachfolger zu finden, ganz im Sinne des Skispringens.

Wir haben uns mit dem FIS Renndirektor unterhalten.

Herr Hofer, kommt die Entscheidung die Tätigkeit als FIS Renndirektor nach dem Winter 2019/2020 zu beenden von ihnen oder liegt das an einer Altersgrenze oder an einem anderen Grund?

"Es kommt ausschliesslich von mir und ist ausschliesslich dem Umstand geschuldet, dass ich zu diesem Zeitpunkt mein normales Pensionsalter erreicht haben werde". 


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Können Sie sich noch an ihren ersten Arbeitstag als FIS Renndirektor erinnern?

"Ja, das kann ich. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre als Betreuer und Trainer im Skispringen absolviert. Ich kannte daher das Arbeitsumfeld aus einer bestimmten Richtung. Da hatte ich Gelegenheit, das Skispringen aus der zweiten, dritten Reihe ohne grosse Verantwortung zu beobachten. Wir waren damals als Trainer auch noch in der Jury, aber die Interessenlage war eine ganz andere. Sie war national bestimmt, zum Wohle oder Vorteil des eigenen Athleten. Als ich dann in diese FIS Funktion treten durfte, waren erst einmal viele Hausaufgaben angesagt. Damals haben wir die Reglemente und Statistiken noch händisch überarbeitet. Aber dadurch konnte, oder musste ich mich mit den Regeln Buchstabe für Buchstabe auseinander setzen. Dies war ein enorm wichtiger Lernprozess im Vorfeld der Wettkämpfe. Unsicherheit irritiert diejenigen, die mit Entscheidungen leben müssen. Es haben alle Beteiligten das Recht, ordentlich über Sachverhalte aufgeklärt zu werden. Erst nach diesen „Hausaufgaben“ kamen die weiteren Schritte, um Skispringen Schritt für Schritt in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Ich sage nicht, in die richtige. Diese Beurteilung ist jedem Beobachter selbst überlassen. Aber mit Hilfe unserer FIS-Komitees und einigen Mitstreitern gelang es, die Basis für weitere Schritte zu schaffen. In Richtung einer besseren Vermarktung und damit eines Produktes. Aber dies ist eine andere Geschichte… „.
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28 Jahre FIS Renndirektor. Noch zwei Jahre und dann ist dieses Kapitel vorbei. Was denken  Sie eher Herr Hofer? "Schade, ich hätte das noch weiter gemacht, es gibt noch viel zu tun“, oder: „Gut so, irgendwann reicht es dann auch mal, es ist eh alles erledigt.“

"Die Frage ist für mich nicht relevant. Es geht nämlich nicht um mich. Ich habe soviele Protagonisten kennen lernen dürfen, die entweder zu früh oder zu spät eine persönliche Entscheidung getroffen haben. Ich lasse mich hier nicht vom eigenen Wunschdenken leiten. Es sind meine biographischen Daten, die einem natürlichen Ablauf unterliegen. Nicht mehr und nicht weniger“.
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Sie haben viel bewegt und viel verändert beim Skispringen. Auf welche Veränderung sind sie besonders stolz?

"Nicht ich habe viel bewegt und verändert, sondern das Sub-System Skispringen mit all seinen Entscheidungsträgern. Selbst der FIS Vorstand hat den grössten Anteil daran. Indem er uns am Anfang gelehrt hat, gewisse Dinge nicht radikal zu verändern, sondern sukzessive und in kleinen Schritten. Genauso gab es später Unterstützung für mutige Vorschläge, die vom Vorstand grosses Vertrauen abverlangt haben. 
Es ist halt eine kleine, aber feine sportliche Disziplin mit aussergewöhnlichen Athletinnen und Athleten. Auf die kann man stolz sein…, und darauf, dass es uns gelungen ist, Skispringen sicherer zu machen".
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Sie gelten als Visionär und Macher. Neben ganz vielen Neuerungen war  die Wind- und Gate Regel eine der spektakulären Änderungen.
Warum ist diese Regel so wichtig und wo wäre das Skispringen heute ohne diese Regel?

"Ob sie wichtig ist, weiss ich nicht. Sie hat mir sehr viele schlaflose Nächte bereitet. Aber ich bin allen Kritikern dankbar, denn nur dadurch ist es uns gelungen, aus diesem fragilen, für den Zuschauer völlig unüberschaubaren Regelwerk ein System zu schaffen, dass Skispringen meiner Meinung nach sicherer und fairer gemacht hat. Die Regeländerungen im Materialbereich waren aber mindestens ebenso wichtig wie auch die Formate und das Datenservice. Wenn ich zurück denke, so habe ich einmal aus Kuopio (FIN), das für einen ausgefallenen Wettkampf eingesprungen ist, ein Fax mit den Ergebnissen an die Presse-Agenturen gefaxt. Das war das einzige Fenster zur medialen Öffentlichkeit. Übrigens hiess der Chef dieser Veranstaltung Mika Kojonkovski. Heute ist er eine Trainerlegende und der höchste FIS Funktionär im Skispringen".
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An welche Momente ihrer Amtszeit denken Sie besonders gerne zurück

"Ein sehr angenehmer Rückblick betrifft alle Olympischen Wettkämpfe, an denen ich beteiligt war, weil sie auch unter schwierigsten Bedingungen planmässig gestartet werden konnten. Ein besonderes Highlight war sicherlich der Teambewerb in Nagano 1998, der extrem turbulent verlief und mit dem Bild des zu Tränen gerührten und in dichtem Schneefall stehenden Olympiasiegers in der Mannschaft, Masahiko Harada, endete. Dieses Erlebnis wurde neben dem spektakulären Sturz von Hermann Maier zum Bild dieser Spiele gekürt".
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An welche sehr ungerne?

"Erfahrung ist die Summe der Fehler, die man macht! Ich glaube doch, dass ich einiges an Erfahrung mitgenommen habe".
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Sie haben einmal den Ausdruck „das Skispringen ist die Formel-1 des Winters“ als unfair bezeichnet. Warum das?

"Weil es nur plakativ ist. Es gibt Sportarten, die sind Selbstläufer: wenn eine Fussballmannschaft ein paarmal hintereinander 0:0 spielt, wird die Mannschaft, der Trainer oder vielleicht die Taktik kritisiert. Es würde niemand auf die Idee kommen, den Fussball per se infrage zu stellen. Und es gibt Randsportarten: wenn ein oder zwei Wettkämpfe im Skispringen abgesagt werden, dann steht sofort die Sportart auf dem Prüfstand: „Das ist nicht gut für das Skispringen". Die Formel 1 wird von einer gigantischen Industrie begleitet. Im Skispringen eignet sich kein einziges Wettkampfutensil als Massenprodukt. Daher liegt keine Vergleichbarkeit vor".
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Walter Hofer und Skispringen das hat irgendwie immer zusammen gepasst. Wie geht es nach der Ära Hofer weiter mit dem Skispringen, wer wird nach ihnen diese Aufgabe übernehmen, gibt es da schon jemanden?

"Das hoffe ich doch! Ausserdem gibt es genügend potentielle Kollegen und Kandidaten. Profile ändern sich und müssen angepasst werden. Systeme müssen dynamisch bleiben. Und das ist gut so".
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Denken Sie zwei Winter vor dem Abschied schon ab und zu daran, wie es privat nach der Zeit als Renndirektor sein wird? Da ist dann auf einmal sehr viel Freizeit.

"Wir stehen mit vollem Elan bereits vor der kommenden Wettkampfsaison. Ausserdem begleiten wir die Massnahmen für die kommende Weltmeisterschaft in Seefeld. Ich komme gerade aus China zurück, wo wir die bauliche Umsetzung für die Olympischen Spiele in Peking 2022 begleiten. Daher sind im Moment keine grösseren Gedankensprünge in Richtung Pension vorhanden".
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Werden Sie dem Skispringen in anderer Position erhalten bleiben? Als Berater vielleicht?

"Das lässt sich im Moment nicht abschätzen. Es gibt einige Anfragen aus verschiedenen Gebieten, auch ausserhalb des Skispringens. Aber ich beschäftige mich noch nicht mit solchen Angeboten".

Sie gelten als brillanter Stratege. Würden Sie überlegen in die Politik zu gehen, wenn eine entsprechende Anfrage kommt?

"Wenn ich diese Frage mit „ja" beantworten würde, wäre ich kein brillanter Stratege! Aber ich verspüre keine Ambitionen in diese Richtung. Sport hat mein Leben bestimmt!  In aktiver oder passiver Form wird er das weiterhin tun. Daher: „Schuster, bleib bei deinen Leisten!“

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