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Roger Ruud - ein Leben auf der Überholspur

Erstellt am: 14.09.2026 06:30 / kb

Jahrelang lebte er, als wären Bremsen für andere erfunden worden. Er sprang, fuhr Motorradrennen, landete im Gefängnis, versuchte sich im Bobsport, in der Geschäftswelt und im Fernsehen. Im Weltcup feierte er neun Siege, wurde zu einem der größten Stars des norwegischen Skispringens in den 1980er-Jahren – und p...

Roger Ruud: Ein Leben auf der Überholspur

Jahrelang lebte Roger Ruud so, als wären Bremsen für andere gemacht. Er sprang von Skischanzen, fuhr Motorradrennen, landete im Gefängnis, versuchte sich im Bob, im Geschäftsleben und im Fernsehen. In den 1980er-Jahren gehörte er mit neun Weltcupsiegen zu den größten Stars des norwegischen Skispringens.

Doch auch nach seiner sportlichen Karriere blieb sein Leben außergewöhnlich – und war immer wieder von schweren Rückschlägen geprägt. Bei einem Brand verlor Ruud sein Haus, sein Vermögen und nahezu sämtliche Erinnerungsstücke an seine sportliche Laufbahn. 2021 erhielt er schließlich die Diagnose eines bösartigen Tumors des Lymphsystems.

Die ersten Sprünge an Heiligabend

Roger Ruud wurde am 1. Oktober 1958 geboren. Sein Vater arbeitete als Holzfäller und schenkte dem vierjährigen Roger seine ersten Skier. Als Weihnachtsmann verkleidet überreichte er seinem Sohn neben dem Weihnachtsbaum die sehnlichst gewünschte Ausrüstung.

Noch am selben Tag durfte der Junge die Skier ausprobieren. Ruud senior stellte an Heiligabend eine große Lampe auf den Gipfel eines kleinen Hügels, der kurzerhand zur provisorischen Skisprungschanze wurde.

Das große Idol des jungen Norwegers war Torgeir Brandtzæg. Der Olympiamedaillengewinner von Innsbruck war für seinen spektakulären Sprungstil bekannt, bei dem er sich extrem weit über die Ski legte. Roger versuchte, sein Vorbild nachzuahmen – und beschädigte sich dabei prompt einen Zahn.

Geschwindigkeit als große Leidenschaft

Schon früh zeigte sich, dass Ruuds Begeisterung nicht allein dem Skispringen galt. Geschwindigkeit faszinierte ihn grundsätzlich. Bereits mit sieben Jahren fuhr er Moped, später kamen Karts hinzu. Als Teenager saß er am Steuer eines Autos – häufig waghalsig und entgegen den Verkehrsregeln, noch bevor er überhaupt einen Führerschein besaß.

Diese Leidenschaft sollte ihm Jahre später zum Verhängnis werden. 1982, als Ruud bereits ein international bekannter Skispringer war, wurde er während einer Motorradfahrt mit 220 km/h in einer Zone erwischt, in der lediglich 80 km/h erlaubt waren.

Weil er auf das Signal der Polizei nicht sofort reagierte und weiterfuhr, musste er für 30 Tage ins Gefängnis von Ilseng. Seinen Führerschein verlor er ebenfalls – allerdings nicht für lange. Während eines freien Tages im Rahmen seiner Haft legte er erneut die Führerscheinprüfung ab und fuhr anschließend mit seinem Auto zurück zur Justizvollzugsanstalt.

Ein Naturtalent erobert die Weltspitze

Ruuds außergewöhnliches Talent auf der Schanze zeigte sich früh. 1975 gewann er im Alter von gerade einmal 16 Jahren Bronze bei den Junioren-Europameisterschaften im finnischen Lieto.

Im März 1976 reiste er in den hohen Norden Norwegens nach Sørreisa. Auf der Schanze Spika stellte er mit 75 Metern einen neuen Schanzenrekord auf. Jahre später erinnerte sich Ruud daran, dass er bei einer einheimischen Familie untergebracht war und mit einem Schneemobil zum Schanzentisch gebracht wurde.

Der Rekord sollte bis zum Ende der Schanze Bestand haben.

Zwischen 1975 und 1978 gewann Ruud vier norwegische Juniorenmeistertitel. Bei den Weltmeisterschaften 1978 in Lahti gehörte der damals 19-Jährige bereits zum norwegischen Aufgebot. Bei seinem WM-Debüt überzeugte er auf Anhieb und belegte auf der Normalschanze den neunten Platz.

Durchbruch bei der Vierschanzentournee

1979 gelang Ruud bei der Vierschanzentournee ein weiteres Ausrufezeichen. In Innsbruck wurde er Zweiter. Auf den Gesamtsieg hatte er allerdings keine Chance mehr, nachdem er zum Auftakt in Oberstdorf lediglich Rang 67 belegt hatte.

Noch in derselben Saison gewann er das Norwegische Turnier, ein Jahr später entschied er auch das Schweizer Turnier für sich, das bereits Bestandteil des Weltcups war.

Kurz zuvor hatte Ruud bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid auf der Großschanze den sechsten und auf der Normalschanze den 13. Platz erreicht. Auf der Großschanze fehlte nicht viel zu einer olympischen Medaille: Die Gesamtlänge seiner beiden Sprünge entsprach jener des finnischen Bronzemedaillengewinners Jari Puikkonen.

Verschlafen im Kampf um den Gesamtweltcup

Die Saison 1980/81 wurde zum großen Wendepunkt seiner Karriere. Ruud kämpfte bis zum Schluss um den Gewinn des Gesamtweltcups.

„Seit zwei Jahren gehöre ich zur Weltspitze, aber in diese Saison bin ich wie nie zuvor mit großartigen Ergebnissen gestartet“, erklärte Ruud im Januar 1981 gegenüber dem polnischen Magazin „Niedziela“.

Trainer Ludvik Zajc habe keine revolutionären Veränderungen vorgenommen. Ruud hatte jedoch im Sommer an seiner Technik gearbeitet und durch einen veränderten Trainingszyklus früher seine Topform erreicht.

Eine Zeit lang führte der Norweger den Weltcup an. Zum Saisonfinale in Planica reiste er schließlich mit nur einem Punkt Rückstand auf Armin Kogler.

Den Rückstand konnte er nicht mehr aufholen. Ruud selbst erzählte später, er habe das Weltcup-Finale regelrecht verschlafen. Während er auf seinen Sprung wartete, soll er auf dem Schanzenberg eingeschlafen sein. Als er schließlich an der Reihe war, sei er noch nicht wieder richtig wach gewesen.

Trotzdem war es eine herausragende Saison. Unter anderem gewann Ruud am traditionsreichen Holmenkollen – ein Erfolg mit besonderer Bedeutung für jeden norwegischen Skispringer. Außerdem entschied er das Tschechische Turnier für sich.

Der Traum vom Tourneesieg platzt in Bischofshofen

Ein großer Erfolg fehlte Ruud allerdings noch: der Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee.

In der Saison 1981/82 sollte es endlich so weit sein. Nach Platz neun in Oberstdorf gewann er das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen. In Innsbruck folgte Rang drei – Ruud war damit vor dem Finale mittendrin im Kampf um den Gesamtsieg.

Doch der Dreikönigstag in Bischofshofen wurde zur Enttäuschung. Ruud kam nur auf den 19. Platz und musste sich in der Gesamtwertung mit Rang zwei begnügen.

Auch die Heim-Weltmeisterschaften in Oslo verliefen nicht nach Wunsch. Auf der Normalschanze wurde er lediglich Neunter.

Für den Misserfolg machte Ruud das Trainerteam verantwortlich. Er fühlte sich vor dem Saisonhöhepunkt übermüdet und hätte nach eigener Einschätzung dringend Erholung benötigt. Stattdessen hätten ihm die Trainer weitere Einheiten verordnet.

Ein ungewöhnlicher Wechsel nach Österreich

Nachdem die folgende Saison deutlich weniger erfolgreich verlaufen war, traf Ruud vor dem Olympiawinter eine ungewöhnliche Entscheidung: Er verließ die norwegische Nationalmannschaft und ging nach Österreich – damals eine der führenden Skisprungnationen der Welt.

Dort arbeitete er unter Trainer Max Golser, der sich an der Schule des legendären Baldur Preiml orientierte. Ohne Unterstützung des norwegischen Verbandes musste Ruud einen großen Teil seiner Vorbereitung selbst finanzieren.

Zum österreichischen Betreuerteam gehörte damals auch Walter Hofer. Ruud erinnerte sich später daran, dass der spätere Weltcupdirektor bei ihm Akupunkturbehandlungen durchführte, die eine optimale Verteilung der Muskelkraft bewirken sollten.

Ruuds Alleingang kam beim Norwegischen Skiverband allerdings überhaupt nicht gut an. Dass er mit einem konkurrierenden Team trainierte und später zusätzlich einen persönlichen Sponsor fand, sorgte für Konflikte. Seine offenen und häufig kritischen öffentlichen Äußerungen über den Verband verbesserten das Verhältnis ebenfalls nicht.

Mit einer Musikkassette zu Olympia?

Am Ende verpasste Ruud die Olympischen Winterspiele in Sarajevo – obwohl er bis zuletzt und mit außergewöhnlichen Mitteln um einen Startplatz kämpfte.

Mit Unterstützung des Unternehmers Stein Erik Hagen veröffentlichte er eine Kassette mit dem Titel „Je vil åt OL“ – „Ich will zu den Olympischen Spielen“. Die Veröffentlichung erreichte sogar Goldstatus.

Zwischen bekannten Musikstücken war Ruuds Stimme zu hören, mit der er dafür warb, ihn für die Olympischen Spiele in Jugoslawien zu nominieren.

Es half nichts.

„Der norwegische Verband war gemein und schwierig“, sagte Ruud Jahre später.

An seine stärksten Jahre konnte er anschließend nicht mehr dauerhaft anknüpfen. 1985 gelang ihm in Cortina d'Ampezzo allerdings noch einmal ein Weltcupsieg – der neunte und letzte seiner Karriere.

Dank dieses Erfolgs schaffte er es in das norwegische Aufgebot für die Weltmeisterschaften in Seefeld, spielte dort allerdings keine entscheidende Rolle. 1986 wurde er noch einmal norwegischer Meister, ehe er 1987 im Alter von 29 Jahren seine Karriere beendete.

Ein Comeback – und die nächste Suche nach Geschwindigkeit

1990 versuchte Ruud noch einmal ein Comeback. Schwache Auftritte im Europacup ließen ihn diesen Plan jedoch schnell wieder verwerfen.

Dem Skispringen blieb er trotzdem verbunden und nahm viele Jahre erfolgreich an Veteranenwettbewerben teil.

Sein Adrenalinhunger war mit dem Ende der Skisprungkarriere ohnehin nicht verschwunden. Ruud verlagerte seine Leidenschaft für Geschwindigkeit von den Schanzen auf den Asphalt. Zwischen 1987 und 1989 gewann er drei norwegische Meistertitel im Roadracing.

Später widmete er sich ernsthaft dem Bobsport und plante sogar einen Start bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer.

Auch Boxen spielte in seinem Leben eine wichtige Rolle. Bereits während seiner aktiven Zeit als Skispringer hatte er den Boxsport als Trainingselement und Grundlage für seine körperliche Vorbereitung genutzt.

Vom Baggerfahrer bis zum Reality-TV

Ruud hatte ständig neue Ideen für sein Leben. Er arbeitete unter anderem im städtischen Bauhof, als Gärtner und Baggerfahrer. Eine Zeit lang verkaufte er in Deutschland Wohnungen.

Außerdem versuchte er sich als Unternehmer. Er betrieb einen Kiosk in Oslo und ein Bekleidungsgeschäft in Lena – beide unter dem Namen „Roger'n“.

Später wollte er eine eigene Marke für Sport- und Bekleidungsartikel etablieren. Das Sortiment reichte von Boxershorts und Bambussocken bis zu Mützen mit Holmenkollen-Bezug.

Auch im Fernsehen war der ehemalige Skispringer präsent. Ruud nahm an mehreren Realityshows teil, darunter an der norwegischen Version von „Let's Dance“.

Für die Sendung „Mesternes mester“ – „Meister der Meister“ – gab es allerdings ein Problem: Die Teilnehmer mussten schwimmen können. Ausgerechnet diese Fähigkeit fehlte dem vielseitigen Sportler. Also lernte Ruud unmittelbar vor Beginn der Dreharbeiten schwimmen.

Ein Millionengeschäft mit dramatischen Folgen

Mitte der 1990er-Jahre geriet Ruud in massive finanzielle Schwierigkeiten. Er lieh sich von seiner Bank eine Million norwegische Kronen, die er in ein Immobilienprojekt in Tønsberg investieren wollte.

Das Geld übergab er einer Person, zu der Rolf Meum den Kontakt hergestellt hatte. Nach Ruuds Darstellung floss es jedoch nicht in das geplante Immobilienprojekt, sondern in ein illegales Schneeballsystem im Umfeld von Ole-Christian Bach.

Laut „Dagbladet“ sollen Investoren und Banken bei dem gesamten Vorhaben rund 40 Millionen Kronen verloren haben.

Ruud stand mit leeren Händen da.

„Ja, das hat mich gebrochen. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich mich davon erholt hatte“, sagte er später gegenüber „Dagbladet“.

Zu den Folgen gehörte auch ein jahrelanger Konflikt mit dem Finanzamt. Bei einem Besuch in einem Behördengebäude soll Ruud sogar einen Computer gepackt und auf dem Boden zerschmettert haben.

Das Feuer nimmt ihm fast alles

Auch zwei Hausbrände verschärften Ruuds finanzielle Probleme.

2009 brannte das Haus seines Sohnes nieder. Noch dramatischer wurde es am 23. Dezember 2015: Einen Tag vor Heiligabend wurde Ruuds eigenes Haus in Toten vollständig zerstört.

Er verlor praktisch seinen gesamten Besitz – darunter seine Medaillen, Pokale und Erinnerungsstücke aus seiner großen Skisprungkarriere.

Ruud selbst befand sich während des Brandes im Haus. Er war auf dem Sofa eingeschlafen, wurde vom Feueralarm geweckt und konnte sich durch die Hintertür des Badezimmers ins Freie retten.

Wegen einer Rauchvergiftung musste er anschließend im Krankenhaus untersucht werden.

Danach folgte ein langwieriger Streit mit der Versicherung.

„Ich habe den Eindruck, dass Versicherungsunternehmen grundsätzlich davon ausgehen, dass man ein Betrüger ist“, sagte Ruud später.

„Sie haben noch zwei Jahre zu leben“

2021 folgte der nächste schwere Schicksalsschlag. Bei Ruud wurde ein bösartiger Tumor des Lymphsystems diagnostiziert.

Die Prognose war erschütternd.

„Der Arzt informierte mich: ‚Sie haben noch zwei Jahre zu leben.‘ Seitdem sind fast fünf Jahre vergangen. Man kann die Krankheit behandeln und ihre Entwicklung verlangsamen“, erklärte der ehemalige Skispringer im Januar.

Die Ärzte hätten es geschafft, das Fortschreiten der Krankheit zu stoppen. Allerdings leidet Ruud unter einer schweren chronischen Müdigkeit.

„Bei mir hat sich daraus eine chronische Erkrankung entwickelt, die deutlich schlimmer ist als der Krebs selbst. Um den Tag zu überstehen, muss ich meine Energie einteilen. Das lernen wir in Therapien und Kursen.“

Garmisch-Partenkirchen als Kraftquelle

Eine besondere Verbindung hat Ruud bis heute zu Garmisch-Partenkirchen. Seit einigen Jahren laden ihn die Veranstalter regelmäßig zum Neujahrsspringen der Vierschanzentournee ein.

Der Sieger von 1982 wird dort bis heute wie ein besonderer Ehrengast empfangen.

„Die Reisen nach Garmisch-Partenkirchen gehören zu den Dingen, die mir noch immer Freude bereiten. Sie geben mir Antrieb. Ich weiß, dass ich nach meiner Rückkehr nach Hause eine Woche lang liegen werde. Aber es ist die Sache trotzdem wert.“

In diesem Jahr nutzte Ruud seinen Besuch auch zu einem Gespräch mit FIS-Renndirektor Sandro Pertile.

„Sandro hört zu und ist offen. Er verspricht, sich einige meiner Anregungen anzusehen. Das Skispringen muss für Springer und Zuschauer einfacher werden.“

Kritik am modernen Skispringen

Mit einigen Entwicklungen im heutigen Skispringen ist Ruud alles andere als zufrieden. Vor allem die Diskussionen um Material und Anzugkontrollen gehen ihm zu weit.

„Die Materialkontrolleure dürfen Menschen nicht anhand von ein oder zwei Millimetern am Anzug beurteilen. Wir vergessen die Freude, die vom Skispringen ausgeht.“

Für Ruud steht zu häufig das Geschehen abseits der Schanze im Mittelpunkt.

„Das Skispringen wird von allem überschattet, was um diesen Sport herum passiert. Darüber sollten die Menschen nicht sprechen. Sie sollten über das Skispringen, die Haltungsnoten und die Landungen sprechen. Wir brauchen das nicht, was jetzt passiert.“

Es ist eine Kritik von jemandem, der den Sport aus einer völlig anderen Epoche kennt – und dessen eigenes Leben kaum weniger spektakulär verlief als seine Sprünge.

Roger Ruud gewann neun Weltcupspringen, wurde Zweiter im Gesamtweltcup und Zweiter bei der Vierschanzentournee. Doch seine Geschichte reicht weit über Ergebnisse und Platzierungen hinaus.

Sie handelt von Geschwindigkeit und Risiko, von Erfolgen und Fehlentscheidungen, von verlorenen Millionen, einem Gefängnisaufenthalt, Feuer und schwerer Krankheit – und von einem Mann, der trotz allem bis heute eng mit dem Skispringen verbunden geblieben ist.

Quelle: https://www.skijumping.pl/wiadomosci/39037/zostaly-panu-dwa-lata-zycia-roger-ruud-skoczek-po-przejsciach

source:skijumping_onet|id:39037

 

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