Trainer Interview: Gregor Linsig

Erstellt am: 02.11.2012 09:48 / ms

Mit Haut und Haaren: Dieser Mann lebt das Skispringen wie kaum ein anderer und das soll man auch sehen. Ein symbolisierter Skispringer ziert den rechten Unterschenkel von Gregor Linsig, Chefcoach des kanadischen Damen-Skisprungteams. Er arbeitet unter vergleichsweise schwierigen Bedingungen und erreicht dennoch Großes. Bisheriger Höhepunkt: Der völlig überraschende Sieg der erst 16-jährigen Alexandra Pretorius im Sommer in Courchevel (Artikel: Überraschung in Courchevel ») und ihr ebenso überraschender zweiter Gesamtrang im FIS Grand Prix 2012 der Damen (Tabelle: Endergebnis des FIS Grand Prix 2012 »).

Nach dem Ende seiner eigenen Karriere zog es Gregor Linsig nach Park City, wo er seine ersten Erfahrungen als Trainer sammelte und im Anschluss viele Jahre blieb. Erst 2005 folgte er dem Angebot, in Kanada die Position als Trainer einer Juniorenmannschaft zu übernehmen. Seitdem ist Linsig dem kanadischen Team treu geblieben, arbeitete später als Assistenztrainer unter Tadeusz Bafia und wurde schließlich selbst zum Cheftrainer von Damen und Herren der kanadischen Nationalmannschaft.

 

In diesem Sommer überraschte mit der 16-jährigen Alexandra Pretorius die jüngste Athletin seines Teams die Skisprungwelt im Rahmen des FIS Grand Prix. Sehr gute Resultate, darunter ihr Sieg im französischen Courchevel, sorgten in der Heimat für Schlagzeilen in den Zeitungen. Auch ein vierter Rang im neuen Format des Mixed-Wettbewerbs in Hinterzarten ließ Kanada zu einem Mitstreiter um vordere Platzierungen werden. Nun blickt das Team mit Spannung auf den bevorstehenden Winter und hofft, an die Leistungen des Sommers anknüpfen zu können.


Berkutschi: Wie sahen die Wochen für dich und dein Team nach dem Ende des Sommer Grand Prix aus und wie verbringt ihr nun die restliche Zeit bis zum Auftakt in Lillehammer?

 

Gregor Linsig: Während des Sommers hatten wir einen wirklich straffen Trainings- und Wettkampfplan. Seit wir nach dem letzten Grand Prix zurück nach Calgary gekehrt sind, stand an fünf Tagen pro Woche Krafttraining auf dem Programm, außerdem auch Sprungtraining, wenn es das Wetter erlaubt hat. Taylor Henrich und Alexandra Pretorius haben zudem in der Schule nachgeholt, was sie verpasst haben. Sobald die Anlagen in Park City für Schneesprünge geöffnet und freigegeben sind, werden sich Herren und Damen dort gemeinsam auf Lillehammer vorbereiten.


Berkutschi: Alexandra Pretorius hat im Sommer mit sehr guten Resultaten überrascht. Kannst du sie als Person und Athletin ein bisschen charakterisieren und erklären, welche Stärken für ihr derzeitiges Leistungsniveau verantwortlich sind?

 

Linsig: Alexandra ist in diesem Sommer großartig gesprungen, wenn es darauf ankam. Sie besitzt wirklich ein enormes Talent. Sie war augenscheinlich eine große Überraschung für die Skisprung-Welt und sogar hier in Calgary. Wenn mir zu Beginn des Sommers jemand gesagt hätte, dass sie am Ende Zweite der Gesamtwertung sein würde, hätte ich sicher etwas anderes gesagt! Aber das Damenskispringen ist noch immer neu und ich glaube, wir werden in Zukunft noch einige junge Mädchen verschiedenster Nationen sehen, die solche Leistungen hervorbringen.

 

Alexandra ist eine sehr bescheidene Person. Als sie gewonnen hat, war ich aufgeregter als sie. Genauso blieb sie den ganzen Sommer über und das zeigt, was für eine Person sie ist. Sie hat einen idealen Körper für das Skispringen und ist um einiges stärker als sie zu sein scheint. Momentan ist sie nicht die beste Fliegerin, aber sie konzentriert sich darauf, sich in diesem Bereich zu verbessern. Bis zum vergangenen Juli ist sie eigentlich niemals richtig geflogen, daher wird sie Zeit brauchen, um die richtige Flugposition für sich zu finden. Das wird sich einstellen, je mehr Sprünge sie macht und je mehr Erfahrung sie damit sammelt. Da mache ich mir nicht allzu viele Sorgen.


Berkutschi: Wie steht es in Kanada um die öffentliche Wahrnehmung des Skispringens im Allgemeinen und des Damenskispringens im Besonderen?

 

Linsig: Das Skispringen gewann in Kanada mit den Resultaten von Mackenzie Boyd-Clowes langsam ein bisschen mehr an Popularität. Als Alexandra im August in Courchevel gewann, landeten wir auf der Titelseite einer Zeitung! Außer bei dem Gerichtsverfahren vor den Olympischen Spielen 2010, als wir für eine Teilnahme der Damen kämpften, war von uns niemals in der Zeitung zu lesen. Wir haben es mit so vielen anderen Sportarten in Kanada zu tun, da nehmen wir normalerweise eine untergeordnete Rolle bei der Beliebtheit ein. Ich glaube aber wirklich, dass sich das ändern wird, wenn unsere Mädchen weiterhin gute Ergebnisse erreichen. Und vielleicht wird die Öffentlichkeit ja auch gezwungen sein, den Fokus auf andere Sportarten zu richten, wenn die NHL Hockey Saison abgesagt wird? (lacht)

 

Eine Veränderung in Sachen Popularität kommt mit dem Erfolg und mit den Damen und dem Mixed Team erwarten wir auch welchen. Das wird unserem Sport helfen und potentiellen Sponsoren die Wertigkeit bringen, nach der sie suchen. Gerne können Sie uns jetzt für tolle Sponsoring-Möglichkeiten kontaktieren! (lacht)


Berkutschi: Existiert seitens der kanadischen Mannschaft eine Zusammenarbeit mit dem Team der Herren oder den Nordischen Kombinierern?

 

Linsig: Wir sind ein so kleiner Club hier in Calgary, dass praktisch alles, was wir tun, auch das Herren-Team und die Kombinierer miteinbezieht. Den ganzen Sommer über haben die Jungs und Mädchen zusammen gelebt, trainiert und Wettkämpfe bestritten. Wir haben auch für den gesamten September ein Haus außerhalb von Innsbruck gemietet, wo wir alle gemeinsam gelebt haben. Sogar die Junioren kamen vorbei und haben Zeit mit uns verbracht. Aus meiner Sicht ist es extrem wichtig für die Damen, mit den Herren zu trainieren und dabei praktisch zu besseren Leistungen gezwungen zu werden. Man braucht sich nur Springerinnen wie Lindsey Van oder Jessica Jerome oder im Prinzip das ganze US-Team anzuschauen, bis vor Kurzem haben diese Mädchen jeden Tag mit den Jungs trainiert.


Berkutschi: Kannst du uns ein bisschen mehr über deinen Weg zum Cheftrainer in Kanada erzählen?

 

Linsig: Ich war kein allzu guter Skispringer, aber ich habe den Sport geliebt und wollte weiterhin darin involviert sein. Als ich 20 Jahre alt war, habe ich meine Sachen gepackt und bin nach Park City gezogen, wo ich einen Monat lang in einem Van gelebt habe. Schließlich endete ich bei dem lokalen Skiclub, wo ich im folgenden Winter Arbeiten als Trainer und an der Schanze erledigt habe. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal in Utah landen würde, aber ich bin zehn Jahre lang geblieben und es ist zu einem meiner Lieblingsorte auf dieser Welt geworden! 2005 bekam ich einen Anruf aus Kanada und wurde gefragt, ob ich zurückkommen und als Nachfolger von Jindro Mayer das Juniorenteam trainieren möchte. Jindro war ein toller Freund und früherer Trainer von mir, daher war es eine absolute Ehre für mich, diese Aufgabe zu übernehmen und das fortzuführen, was er angefangen hat. Seit diesem Jahr bin ich beim kanadischen Team geblieben und genieße jede einzelne Minute. Wir haben eine großartige Gemeinschaft und ein gutes System unter all den Trainern. Außer einigen Problemen mit den sportlichen Einrichtungen ist es wirklich super, in Kanada zu sein.


Berkutschi: Im letzten Winter hat Sarah Hendrickson eindrucksvoll die Weltcup-Gesamtwertung für sich entschieden. Wer wird aus deiner Sicht in diesem Jahr um den Gesamtweltcup mitspringen?

 

Linsig: Man kann niemals einen Champion ausschließen. Was Sarah Hendrickson letzten Winter geleistet hat, war beinahe irreal. Ich habe mich sehr für sie gefreut und hoffe, sie kann das fortsetzen. Wahrscheinlich wird Daniela Iraschko diejenige sein, die  Sarah die meisten Schwierigkeiten beim Verteidigen ihres Titels machen wird. Sie war stets eine Favoritin und natürlich möchte sie ihren eigenen Titel bei den Weltmeistershaften im Februar verteidigen. Es gibt noch einige andere wie Lindsey Van oder Sara Takanashi und vielleicht ein paar Kanadierinnen, ich weiß es nicht? Wir legen den Schwerpunkt nicht so sehr auf die Gesamtwertung, aber wir erwarten, dass unsere Mädchen in jedem Wettkampf versuchen, die Spitze anzugreifen. Wir müssen einfach abwarten und sehen.


Berkutschi: Wenn du an die Weltmeisterschaften in Val di Fiemme und auch an die Junioren-WM in Liberec denkst, welche Ziele setzt du für dich und dein Team?

 

Linsig: Unser Fokus liegt eher nicht auf der Junioren-WM, das hat im Moment keine Priorität für unser Team. Wie bei jeder anderen Mannschaft sind die Weltmeisterschaften in Val di Fiemme das Hauptziel der Saison. Wir brauchen effektives Training und gute Wettkämpfe, die uns dorthin führen. Aktuell haben wir drei starke Damen, denen jederzeit alles zuzutrauen ist. Ich glaube, dass eine dieser drei Damen es auf das Podium schaffen kann. Auch der Mixed-Wettbewerb wird Spaß machen. Wir hatten eine tolle Zeit in Hinterzarten, als wir den vierten Platz belegten und ich denke, das hat etwas in uns entfacht. Es wird interessant sein zu sehen, ob unser Team auch bei der WM auf diesem Niveau mithalten kann.

 

 

Interviews mit den Trainern

 

Teil 1 - Lukasz Kruczek (POL) »

 

Teil 2 - Tomoharu Yokokawa (JPN) »

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