Leises Karriereende mit lautem Nebengeräusch

Erstellt am: 24.02.2010 12:26 / os


Ganz leise hat bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver ein Athlet seine Karriere beendet, um dessen Idee es während eben dieser Spiele 2010 lauter nicht hätte zugehen können. Es geht um Bastian Kaltenboeck, 26, ehemaliges Mitglied der österreichischen Skisprung-Nationalmannschaft: er ist geistiger Vater des Bindungssystems, das Simon Ammann bei seinen Wettkämpfen während Vancouver 2010 benutzte.

 

Von Öffentlichkeit und Medien unbemerkt, lässt Kaltenboeck als Vorspringer bei Olympia seine Karriere als Skispringer ausklingen. "Ich wollte, dass meine letzten Sprünge lässig werden, meine letzten Sprünge sollten so viel Spaß bringen wie die Sprünge als ich ein kleiner Junge war. Freude am Skispringen ohne Leistungsdruck. Das hier in Vancouver war absolut cool - es war völlig egal, wie weit es geht."

 

Entzündung sorgt für Karriereende

Eigentlich wollte Kaltenboeck als Mitglied der österreichischen Nationalmannschaft in Vancouver dabei sein, das Potenzial dazu hatte er. Doch der Traum war bereits zu einem frühen Saisonzeitpunkt ausgeträumt: Bei der Vorbereitung auf den Winter 2009/10 im norwegischen Lillehammer machte sich Anfang November 2009 eine Entzündung in der Ferse bemerkbar, die ein weiteres Training nicht zuließ. Die Schmerzen waren zu stark. Um diese Entzündung auszuheilen, wurde Kaltenboeck von den Medizinern eine Pause bis Weihnachten verordnet.

 

"Realistisch gesehen war dies das Ende. Ich wollte zu den Olympischen Winterspielen, aber ohne Vorbereitung, ohne Teilnahme an der Vierschanzentournee besteht im stärksten Skisprung-Team der Welt nicht der Hauch einer Chance, dieses Ziel zu erreichen. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein Signal meines Körpers", sagt Kaltenboeck rückblickend. "Jedenfalls war es für mich das Zeichen, mit dem Skispringen aufzuhören. Ich habe mir das gut überlegt, es war der Punkt, an dem es einfach keinen Sinn mehr gemacht hatte, zu kämpfen.

 

"Ich war ohnehin nie einer, der zu den begnadeten Talenten gehört hat. Ich war und bin ein Arbeiter, habe mir alles hart erarbeitet. Ich habe alles ausprobiert, um möglichst weit zu springen," so Kaltenboeck.

 

Perfekte Bedingungen in Stams

Angefangen hatte die Karriere Kaltenboecks dort, wo fast alle Skisprung-Karrieren in Österreich beginnen: im Skigymnasium Stams. "Ich hatte ohne jeden Zweifel eine perfekte Ausbildung. Ich hatte, als ich das Skigymnasium in Stams besuchte, das perfekte Umfeld, die besten Trainer, alles hat gepasst. Unter anderem war Werner Schuster, heute Cheftrainer des DSV, mein Trainer, er war einer der besten Trainer, den ich je hatte, er hat mich als Persönlichkeit wohl am meisten geprägt hat“.

 

"Dieses Umfeld ist wie gemacht, um gute Leistung zu bringen. Förderung und Unterstützung waren optimal, ich habe mich wohlgefühlt, die Leistungskurve zeigte kontinuierlich nach oben." Die harte Arbeit, das perfekte Umfeld und der Spaß am Skispringen führten Kaltenboeck 2008 bis in den Kader der österreichischen Skisprung-Nationalmannschaft.

 

"Was auf den ersten Blick ein Aufstieg war, wurde für mich aber eher zum Rückschritt. Leider war das erfolgreiche ÖSV-System für mich nicht maßgeschneidert, somit ist es mir nicht gelungen, mein persönliches Potenzial voll auszureizen. Irgendwie war die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt mit und von den Trainern nicht optimal, die "Chemie" hat einfach nicht ganz gestimmt. Da ich mich dem System anpassen wollte, habe ich mich wohl verloren und war nicht mehr ich selbst. Es war eine harte Erfahrung, gleichzeitig aber eine sehr lehrreiche Erkenntnis für meine Zukunft", erzählt Kaltenboeck."

 

Neue Bindung bringt 10 Meter Weite

Aber Kaltenboeck kämpft und arbeitet auch ohne optimale Förderung der Trainer weiter - und er denkt weiter. Er denkt in alle Richtungen, um auch auf technischem Gebiet mögliche Verbesserungen zu finden. So entsteht die Idee durch eine abgewinkelte Bindung, die Stellung des Skis während der Flugphase planer als bisher halten zu können. Mit Hilfe eines befreundeten Tüftlers entwickelt Kaltenboeck den Prototyp einer Bindung, von der niemand etwas weiß, außer den beiden direkt beteiligten Personen.

 

Der erste Sprung erzeugt ein mulmiges Gefühl

"Beim ersten Sprung mit dieser neuen Bindung hatte ich schon ein mulmiges Gefühl, man weiß ja nicht so genau, was passiert. Allerdings war diese erste Bindung auch deutlich extremer als die Variante, die Simon Ammann hier in Vancouver benutzt hat. Aber es funktionierte gut, und ich konnte bereits nach dem zweiten Testsprung von der K-60 Schanze in Stams auf die K-105 Anlage wechseln. Kurz darauf ging es dann auch von der K-120 Schanze. Klar war, dass mir das System einen gewaltigen Schub verschaffte. Ich schätze, dass ich mit dem System rund zehn Meter weiter gesprungen bin als mit einem konventionellen Bindungssystem."

 

Kaltenboeck weiß, dass er mit seiner Bindung beim Saisonauftakt 2007/2008 im finnischen Kuusamo ganz vorne dabei sein kann, aber es besteht die Gefahr einer Disqualifikation, die Bindung ist nicht angemeldet. Also entschließt sich Kaltenboeck das System zunächst intern beim ÖSV vorzustellen, bevor er es einsetzt. "Ich musste meine Rolle innerhalb des ÖSV erfüllen, ein Start mit dem Risiko einer Disqualifikation wäre unmöglich gewesen, ich bin ja kein Einzelstarter sondern Mitglied eines Teams".

 

Die Teamführung entscheidet sich schließlich gegen einen Einsatz des neuen Bindungssystems, die Bedenken einer Disqualifikation sind zu groß. Außerdem bestehen Sicherheitsbedenken. 

 

Neues Ziel: Stichtag 1. Mai

Also bleibt das System während des Winters 2007/2008 in der Schublade. Bis zum Ende der Saison hält er eine funktionierende Bindung in den Händen. Einzig die Freigabe der FIS gilt es zu erreichen. Neu entwickelte Komponenten müssen nämlich bis zum 1. Mai eines jeden Jahres der FIS vorgestellt werden, um eine Freigabe für den kommenden Winter zu erhalten. Für die Modifikation von bestehenden Komponenten ist keine explizite Freigabe erforderlich. Aber der österreichische Verband lässt den 1. Mai 2008 verstreichen, ohne die Bindung bei der FIS vorzustellen.

 

Systeme Ammann-Kaltenboeck sind vergleichbar

"Das Bindungssystem war von der Art der Modifikationen durchaus mit dem jetzt von Simon Ammann eingesetzten System vergleichbar", sagt FIS-Equipment-Controller Sepp Gratzer heute rückblickend zu den Einsätzen Kaltenboecks. "Aber am Ende hat mir das System trotzdem nicht den gewünschten Erfolg gebracht"- resümiert Kaltenboeck. "Meine Sprünge waren einfach nicht gut genug, da half auch die Bindung nichts."

 

Und so verschwand auch das modifizierte System wieder in der Schublade. Bastian Kaltenboeck hat ein abgeschlossenes BWL-Studium, ihm liegen verschiedene Jobangebote vor. "Ich werde ganz sicher dem Sport, und vielleicht auch dem Skispringen treu bleiben", so Kaltenboeck abschließend.

 

Fragen an Bastian Kaltenboeck zur Bindung von Simon Ammann:

 

Welchen Anteil hat das System Deiner Meinung nach an den beiden Godmedaillen von Simon Ammann hier in Vancouver?

"Simon ist hier einfach überragend gesprungen. Ich bin mir sicher, dass die Bindung dabei geholfen hat, aber Simon war auch in der Lage alle erforderlichen Details umzusetzen. Er hat es geschafft die Bindung perfekt in sein bestehendes System zu integrieren, er hat alles richtig gemacht."

 

Der ÖSV hat auch mit mangelnder Sicherheit gegen das neue Bindungssystem argumentiert. Besteht aus Deiner Sicht ein Sicherheitsdefizit bei dem System?

"Im Fall von Simon Ammann nicht, da ist eher das Gegenteil der Fall. So wie Simon springt, wird sein ganzes System stabiler und damit sicherer. Aber das Ganze ist sehr anspruchsvoll, auf keinem Fall von jedem Springer zu verwenden. Wenn das System also von jemandem angewandt wird, der es nicht beherrscht, kann es unter Umständen gefährlich sein."

 

Hast Du das Gefühl, dass Gerhard Hofer (im Dossier des ÖSV namentlich genannter Service-Techniker, der von Österreich in die Schweiz gewechselt ist) und/oder Werner Schuster Deine Idee mit in die Schweiz genommen hat/haben, und es dort verfeinert haben? 

"Ich bin mir sicher, dass beide die Bindung im Training gesehen, später weiterentwickelt und für sich verwendet haben".

 

Bleibt da ein Nachgeschmack, bist Du deswegen sauer?

"Nein."

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