SKISPRINGEN · CHRONIK 1976 – 2026

Erstellt am: 01.05.2026 08:15 / hn

SKISPRINGEN · CHRONIK 1976 – 2026

50 Jahre auf der Schanze

Eine halbe Jahrhundert-Reise von Hans-Georg Aschenbach und Toni Innauer über Nykänen, Hannawald und Ahonen bis zu Stefan Kraft, den Prevc-Geschwistern und Olympia 2026 in Mailand-Cortina.

Zwischen 1976 und 2026 hat sich kaum eine Wintersportart so radikal verändert wie das Skispringen.
Aus dem ästhetisch strengen Parallelflug wurde ein hochtechnischer Wettkampf in V-Stellung. Aus 175-Meter-Bestmarken wurden Flüge jenseits der 250 Meter. Und aus einer reinen Männerdomäne wurde eine Disziplin, in der Frauen seit 2014 olympische Geschichte schreiben.

1976 – 1988: Klassik, DDR-Schule und ein finnisches Wunder

Die Saison 1975/76 endet mit Olympia in Innsbruck.
Auf der Bergiselschanze gewinnt der DDR-Springer Hans-Georg Aschenbach Gold von der Normalschanze, der Österreicher Karl Schnabl von der Großschanze – noch im klassischen Parallelstil, mit eng zusammengeführten Skiern und gestreckter Körperhaltung. In den späten 70ern dominieren die DDR-Schule und die Österreicher: 1980 segelt Anton „Toni’ Innauer in Lake Placid zu Gold und prägt eine ganze Springer-Generation.

Mitte der 1980er beginnt die Ära Matti Nykänen. Der schmale Finne ist technisch eine Klasse für sich: 1984 in Sarajevo holt er Gold von der Großschanze, 1988 in Calgary räumt er gleich drei olympische Goldmedaillen ab – Normalschanze, Großschanze und Team. Vier Olympiasiege, fünf WM-Titel, vier Tournee-Triumphe – Nykänen wird zur Ikone und gleichzeitig zur tragischen Figur des Sports.

Parallel dominiert auf den Tournee-Schanzen Jens Weißflog: 1984 mit 19 Jahren Olympiasieger von der Normalschanze, später viermaliger Tourneesieger. Er ist der einzige Springer, der sowohl im klassischen Parallelstil als auch im V-Stil olympisches Gold gewinnt – und symbolisiert damit den größten Stilwechsel der Sportgeschichte.

Eine Galerie von  Matti Nykaenen finden Sie hier >>

1988 – 2000: Der V-Stil verändert alles

Im Sommertraining 1985 in Falun passiert dem Schweden Jan Boklöv ein „Fehler’: Im starken Aufwind reißen ihm die Skier in eine V-Stellung – und er fliegt fast 20 Meter weiter als sonst. Die Wertungsrichter strafen den unästhetischen Stil zunächst mit Haltungspunkten ab, die Norweger spotten vom „Krähenhüpfer’. Doch im März 1989 gewinnt Boklöv in Lake Placid als erster V-Stil-Springer ein Weltcupspringen – und am Saisonende den Gesamtweltcup.

Aerodynamik-Revolution:

Im Vergleich zum Parallelstil bietet der V-Stil rund 30 % mehr Auftrieb. Schanzen müssen weltweit umgebaut werden, weil plötzlich alle deutlich weiter fliegen. Am 24. März 1991 gewinnt Ralph Gebstedt in Planica das letzte Weltcup-Springen im Parallelstil – seither springt nur noch das „V’.

 

Die neue Technik bringt frische Helden hervor. Toni Nieminen wird 1992 in Albertville mit nur 16 Jahren Doppel-Olympiasieger. Der junge Norweger Espen Bredesen holt 1994 in Lillehammer Gold von der Normalschanze, ehe ein zweiter Springer der späten 90er die Bühne betritt: der Japaner Kazuyoshi Funaki, der 1998 in Nagano von der Großschanze siegt und mit dem Team Gold gewinnt – getragen von einem ganzen Land.

2001 – 2014: Hannawalds Grand Slam, Ahonens Fünf, Małyszomania

Die 2000er sind ein goldenes Jahrzehnt. Adam Małysz bricht im Winter 2000/01 als erster Springer überhaupt die 1.000-Punkte-Marke im Gesamtweltcup, gewinnt die Tournee mit 104,4 Punkten Vorsprung – bis heute der größte Abstand der Geschichte – und löst in Polen die „Małyszomania’ aus.

Eine Galerie von  Adam Malysz finden Sie hier >>

Ein Jahr später folgt der größte Coup eines deutschen Skispringers: Sven Hannawald gewinnt bei der 50. Vierschanzentournee 2001/02 als erster Athlet alle vier Springen – Oberstdorf, Garmisch, Innsbruck und Bischofshofen. Der Grand Slam macht ihn zur Legende. Im selben Winter holt er in Salt Lake City Team-Gold und Einzel-Silber von der Großschanze.

Ammann, der Doppel-Doppel-Olympiasieger:

Der Schweizer Simon Ammann gewinnt 2002 in Salt Lake City zweimal Gold – und wiederholt das Kunststück 2010 in Vancouver. Vier olympische Goldmedaillen, alle einzeln gesprungen – ein Rekord, an den sich seither niemand herangetraut hat.

 

Janne Ahonen aus Finnland fliegt sich derweil zum ewigen Tournee-Rekordhalter: fünf Gesamtsiege (1999, 2003, 2005, 2006, 2008) – mehr als jeder andere. Insgesamt 36 Weltcup-Siege und fünf WM-Titel machen ihn zum „letzten seiner Art’, einem Springer der alten Schule.

 

Ab 2007 übernimmt Gregor Schlierenzauer aus dem Tiroler Stubaital die Bühne und sammelt mit insgesamt 53 Weltcupsiegen den ewigen Rekord. Sein Landsmann Thomas Morgenstern krönt 2006 in Turin und 2010 in Vancouver Österreichs goldene Skisprung-Ära mit drei Olympiasiegen.
Eine Galerie vom Trainingslager der Österreicher finden Sie hier >>

Und in Polen entsteht mit Kamil Stoch der nächste Dreifach-Olympiasieger (2014 in Sotschi gleich zweimal Gold, 2018 in Pyeongchang noch einmal von der Großschanze).

2014 – 2026: Damen erobern Olympia, Stefan Kraft schreibt Rekorde

2014 fällt eine historische Mauer: Das Damen-Skispringen wird in Sotschi olympisch. Carina Vogt aus Deutschland gewinnt das allererste olympische Damenspringen der Geschichte. Vier Jahre später holt sich Maren Lundby aus Norwegen in Pyeongchang Gold vor Katharina Althaus und Sara Takanashi. Die Japanerin Takanashi wird mit über 60 Weltcupsiegen zur erfolgreichsten Skispringerin überhaupt.

 

Bei den Männern sind die 2010er und 20er die Ära des Österreichers Stefan Kraft: Olympia-Team-Silber, mehrfacher Weltmeister, Tournee- und Skiflug-Weltrekord. Am 18. März 2017 segelt er in Vikersund auf 253,5 Meter – der neue Skiflug-Weltrekord, der ganze acht Jahre lang Bestand hat. Daneben blitzt das japanische Genie Ryoyu Kobayashi auf, der 2018/19 als dritter Springer überhaupt einen Tournee-Grand-Slam hinlegt und 2022 in Peking Olympia-Gold von der Normalschanze holt.

Skiflug-Weltrekorde Vikersund / Planica:

• 2017 – Stefan Kraft (AUT) 253,5 m · Vikersund

• 28.03.2026 – Nika Prevc (SLO) 242,5 m · Damen-Weltrekord, Planica

• 30.03.2025 – Domen Prevc (SLO) 254,5 m · Männer-Weltrekord, Planica

 

Am Ende der Halb-Dekade liegt das Skispringen wieder in slowenischer Hand: Die Geschwister Nika und Domen Prevc dominieren 2024–2026 die Weltspitze. Domen krönt seine Saison mit dem Sieg bei der 74. Vierschanzentournee 2025/26 und einem neuen Punkterekord von 1.195,6 Punkten. Bei den Olympischen Spielen 2026 in Mailand-Cortina überrascht dann Philipp Raimund Deutschland mit Gold von der Normalschanze – ein versöhnlicher Schlusspunkt für die deutsche Skisprung-Familie nach langen Jahren ohne Einzel-Gold.

 

Fazit: Eine halbe Schanzen-Ewigkeit

Wer die 50 Jahre zwischen Innsbruck 1976 und Mailand-Cortina 2026 nebeneinander legt, sieht zwei verschiedene Sportarten – und doch dieselbe Faszination. Der Schritt von Aschenbachs strenger Parallelhaltung zu Domen Prevcs 254-Meter-Flug ist so groß wie der Schritt vom analogen zum digitalen Zeitalter. Geblieben sind die magischen Orte – Oberstdorf, Bergisel, Zakopane, Holmenkollen, Vikersund, Planica – und die Namen, die sich in das kollektive Gedächtnis des Wintersports eingebrannt haben: Nykänen, Weißflog, Boklöv, Ahonen, Hannawald, Małysz, Ammann, Schlierenzauer, Stoch, Kraft, Kobayashi, Vogt, Lundby, Takanashi, Prevc.

Das nächste halbe Jahrhundert hat schon begonnen – und mit den jüngsten FIS-Anpassungen, die Anlauf- und Schanzenprofile verändern, sind Flüge bis zu 270 Metern technisch denkbar. Der Schanzentisch ist also noch lange nicht ausgesprungen.